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Interview mit Jacek Kanior



Die Technik des Kupferstiches war der entscheidende Meilenstein in der Vervielfältigung bildlicher Motive, vergleichbar mit Gutenbergs Buchdruck.
Vom 15. Jahrhundert bis zur Entwicklung der Fotographie war der Kupferstich der Inbegriff und die höchste Form der grafischen Gestaltung.
Seit seiner Entwicklung stellt er die Quintessenz des grafischen Denkens dar: Grundlage ist die Linie, also zwei Punkte, die miteinander verbunden sind. Durch die Variation der Stärke und Form der Linie und durch die Gruppierung der Linien in verschiedenen Abständen erhält man Flächen in allen Abstufungen von grau bis schwarz, deren Zusammenspiel den Eindruck plastischer Tiefe erzeugt.




Wie bist Du Kupferstecher geworden?

Nachdem ich mein Kunst-Studium an der Universität in Thorn beendet hatte, fing ich als Kupferstecher in der polnischen Staatsdruckerei in Warschau an zu arbeiten. Ich bin dort eher zufällig reingeraten, habe aber instinktiv gespürt, dass diese Arbeit meiner Persönlichkeit entgegenkommt. Da die Technik des Kupferstiches an einer Universität nicht praktisch vermittelt wurde, erlernte ich das Handwerk erst an der Staatsdruckerei.

Wie bist Du zur Bundesdruckerei nach Deutschland gekommen?

Kurz vor dem Ausrufen des Ausnahmezustandes in Polen 1981 ging ich nach Deutschland, wo bald darauf meine Tochter Melanie geboren wurde. Nachdem ich mich und meine Familie zwei Jahre lang mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau über Wasser gehalten habe, bewarb ich mich in Berlin an der Bundesdruckerei. Dort arbeitete ich über 20 Jahre. In dieser Zeit gestaltete ich Briefmarken, Banknoten und Wertpapiere für die BRD und andere Staaten.

Wie würdest Du die Arbeit als Kupferstecher beschreiben?

Der heutige Kupferstich ist ein aufwändiges Druckverfahren und dient zur Sicherung der Authentizität und somit auch als Fälschungsschutz von Wertpapieren. Er erfordert höchste handwerkliche Präzision, da man mit einer Speziallupe in einem Größenverhältnis von 1:1 arbeitet. Das gestochene Bild ist also genauso groß bzw. klein wie das gedruckte Endergebnis. Mit einem Stichel nimmt man feine Linien aus Kupfer oder ungehärtetem Stahl heraus.
Entscheidend bei dieser Technik ist die Tiefe der Linie. Nachdem Farbe in die Einkerbungen gefüllt und auf die Druckoberfläche übertragen wurde, entsteht eine aufgesetzte Linie, die mit den Fingerkuppen leicht zu ertasten ist. Auf diese Weise entsteht eine Matrize, ein Miniaturwerk, das eine langwierige und ausdauernde Arbeit erfordert.
Abhängig vom Schwierigkeitsgrad dauert die Herstellung eines Motives einige Wochen bis Monate. Das setzt spezifische Fähigkeiten, wie gute Konzentration und Geduld, voraus.
Der Kupferstecher schaut auf den Kalender - nicht auf die Uhr...

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Schon als ich die Geheimnisse des Kupferstiches kennen lernte und auch später, als ich bis über beide Ohren in dieser Arbeit steckte, überlegte ich, wie ich die Darstellung des Kupferstichs auf das Gebiet der Kunst übertragen könnte.
Momentan arbeite ich an der Verwirklichung großer Siebdrucke und für meine Verhältnisse gigantischer Gemälde, in denen Kupferstiche, zuvor von einer Größe von 5 cm, auf dreieinhalb Metern dargestellt werden.
Außer mir gibt es in Deutschland nur noch wenige Kupferstecher, weil heutzutage alles möglichst schnell und billig hergestellt werden soll und die Stiche daher auf dem Computer oder mit sog. Strichumzeichnungen simuliert werden.
Ich selbst möchte in Zukunft nicht Abschied von der Kunst des Kupferstiches nehmen, sondern versuchen, ihr eine neue Dimension und Bedeutung zu verleihen.



Für GONDOR Kommunikationsdesign 2003






   Jacek Kanior 2009